Nibbāna

von Tissa Weeraratna

Das Endziel der Buddhisten ist Nibbāna. Buddha sagt, Nibbāna kann im hier und jetzt realisiert werden.

 

Das heißt, wir sollten nicht nach Nibbāna morgen oder übermorgen suchen, was viele Menschen tun, sondern hier und jetzt.
Das Richtige, um Nibbāna zu erreichen, ist, keinerlei Anhaftung zu haben. Es gibt vier verschiedene Arten von Anhaftung:

1. Anhaften an Luxusgütern und sinnlichem Begehren
2. Anhaften an Vorstellungen und Meinungen
3. Anhaften an Regeln und Rituale
4. Anhaften an persönlichem „Ich"- Glauben

Wenn man frei von Anhaftung ist, kann der Geist keine Gier, keinen Hass und keine Verblendung mehr beinhalten, was bedeutet, dass man frei vom Ego ist. Kein Ego zu haben ist eine Art von Nibbāna, gratis! Der Zustand kann von Menschen erreicht werden, indem sie geben (Dhana), ein tugendhaftes und sittliches Leben führen (Sila), nicht töten, nicht stehlen, keinen Missbrauch in sexuellen und anderen Beziehungen begehen, d.h. keine Ausbeutung und keine Gewalt ausüben, nicht lügen, und keine üble Nachrede begehen, keinen Alkohol und keine Drogen zu sich nehmen. In dem man das übt, erreicht man den Zustand eines gelassenen Geistes (Bhavana).


Nibbāna existiert hier und jetzt, sagt Buddha. Daher soll man nicht danach im Morgen oder Übermorgen suchen. Um Nibbāna zu erreichen, muss man diese vier Formen der Anhaftung loswerden. Wenn man dies übt, werden Gier, Hass und Verblendung entfernt. Und wo keine Vorstellung von etwas wie einem „Ich" (Ego) ist, wo keine Vorstellung ist, dass irgend etwas Statisches, d.h. Unveränderliches existiert und drittens, wo keine Vorstellung ist, dass etwas bedingt Entstandenes freudvoll, glückverheißend bzw. nicht leidhaft ist, dort ist es durchaus möglich Nibbāna zu realisieren.
Man erreicht dies durch Übung von Geben, sittlichem Leben und Entwicklung von Geistesruhe. Diese drei Bereiche gehören nicht zur intellektuellen oder emotionalen Welt; sie gehören zur Übungswelt. Wenn man diese Übungen macht, erreicht man Geistesfreiheit. Das ist auch Nibbāna.


Die Aufgabe des Buddhistischen Hauses besteht darin, Besuchern Dhamma, die Lehre Buddhas, nahe zu bringen. Das Wort Dhamma bedeutet unter anderem auch Natur. Und Buddha erklärt diese Natur schon allein durch die Betrachtung des menschlichen Körpers von Kopf bis Fuß. Man darf nicht vergessen, wenn man Natur sagt, dass die Natur Eigenschaften hat. Welche der Entdecker auch immer enthüllen mag, er hat kein Inhaberrecht. Und diese Eigenschaften gelten nicht nur epochenweise, sie sind immer gültig. Heute, morgen und in einer Million Jahren. Des weiteren haben die Natureigenschaften keine Beschränkung auf irgendein Gebiet. Sie sind universal gültig. Weil Dhamma, die Natur, niemandem gehört, kann jeder Mensch üben. Jeder Mensch, ob Mann, Frau, deutsch, englisch, Hindu, Katholik oder Muslim, das spielt keinerlei Rolle.


Nur wenn man übt, erreicht man die geistige Freiheit. Es ist ein Missverständnis, Dhamma oder Natur mit Namen der Kultur zu verbinden. Dhamma ist universal.
Die Menschen können in das Buddhistische Haus kommen, ohne Buddhist zu sein. Wer Dhamma praktizieren will, braucht keinen Glauben. Wir üben Achtsamkeit, um den Körper und den Geist verstehen zu lernen und sind damit in der Lage, schlechte Eigenschaften zu entfernen und gute Eigenschaften zu kultivieren.

Nibbāna = Kühle, Abgekühltsein

Das Absolute, das Höchste, die letztendliche Realität in der Lehre Buddhas; das ausdrückliche Ziel aller darin enthaltenen Übungen und das höchste Potential der Menschheit ist eben Nibbāna. Dieses manifestiert sich vollständig, wenn die Feuer von geistigen Unreinheiten (Kilesa) wie Anhaften und Selbstsucht; eben die Ursachen für das sogenannte „Leiden" und die Unzufriedenheit (Dukkha) vollständig und endgültig gelöscht sind. Es ist kein Ort, denn Nibbāna ist jenseits von Zeit und Raum, jenseits von Existenz und Nichtexistenz. Es ist auch kein Zustand, denn Nibbāna ist weder geistig noch körperlich sondern ein Dhamma, den der Geist verwirklichen und erfahren kann. Er sollte in diesem Leben realisiert werden.

Glücklicher Weise ist der natürliche und automatische Werdeprozess, die ultimative Wahrheit der Dinge, der Dhamma, direkt für jeden sichtbar, zeitlos, wert beachtet bzw. geübt zu werden und des weiteren für jeden einzelnen erfahrbar. Er ist immer für uns verfügbar und der Ort, an dem er wahrgenommen werden kann, liegt in einem selbst. Die allerletzte Wahrheit, der Dhamma, ist nichts Mystisches oder weit Entferntes; er ist die Wahrheit unserer eigenen Erfahrung. Er kann nur erreicht werden, wenn wir unsere Erfahrungen verstehen; indem wir sie bis auf den Grund durchdringen.

Um diese Wahrheit eine befreiende Wahrheit werden zu lassen, muss sie direkt erfahren werden. Es reicht nicht aus sie lediglich durch Glauben zu akzeptieren oder einfach der Autorität von Büchern oder eines Lehrers zu folgen oder sie durch logische Folgerungen und Argumentationen zu akzeptieren.
Sie muss durch Innenschau (Meditation, Praxis) erkannt werden, erfasst und aufgesogen durch eine Art Wissen, welches auch ein sofortiges Erkennen ist.

Das, was das Feld der Erfahrung in den Fokus bringt und zugänglich für die Innenschau macht ist eine geistige Fähigkeit welche in Pali „Sati" genannt wird, übersetzt "Achtsamkeit." Achtsamkeit ist die Präsenz des Geistes, Aufmerksamkeit oder Gewahrsein. Doch die Art des Gewahrseins, Bewusste Achtsamkeit, unterscheidet sich grundlegend von der Art des Gewahrseins während der Arbeit in unserem üblichen Modus des Bewusstseins wie z. B. beim Autofahren. Alles Bewusstsein beinhaltet Gewahrsein im Sinne von kennen oder erfahren eines Objekts.


Mit dem Praktizieren von Bewusster Achtsamkeit wird das Gewahrsein auf einen speziellen Bereich eingestellt. Der Geist ist bewusst auf der Ebene der bloßen Aufmerksamkeit, einer unberührten Beobachtung dessen, was in uns und um uns herum passiert, im gegenwärtigen Moment. In der Praxis der Bewussten Achtsamkeit ist der Geist trainiert in der Gegenwart zu bleiben; offen, still und in Bereitschaft; das gegenwärtige Ereignis beobachtend. Alle Urteile und Interpretationen müssen unterbleiben. Und wenn sie doch auftreten, dann sind diese nur zu registrieren und fallen zu lassen.


Die Aufgabe ist, was auch immer geschieht, einfach zur Kenntnis zu nehmen „so wie es ist", auf den Veränderungen der Ereignisse reitend, gleich einem Surfer auf einer Welle im Meer. Der ganze Prozess ist ein Weg des Zurückkommens in die Gegenwart, dem Wandel im hier und jetzt, ohne wegzurutschen,
ohne weggefegt zu werden von den Gezeiten ablenkender Gedanken.