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Faszination Buddhismus - Das Buddhistische Haus - Berlin Frohnau

Faszination Buddhismus

von Hans Gruber

Ein Beitrag in drei Zeitungen anlässlich des Besuches des Dalai Lama zu einer Großveranstaltung in der Lüneburger Heide im Herbst 1998

"Hamburger Abendblatt" vom 6./7. Juni 1998 unter der Kopfzeile: "Die Faszination des Buddhismus ergreift immer mehr Menschen - Indiz für eine tiefe Sehnsucht nach Erlechtung und Befreiung?" Und dem Titel: "Nehmt den Weg als Zuflucht".
Wochenendbeilage der "Berliner Morgenpost" vom 4./5. Juli 1998 mit der Kopfzeile: "Die Faszination des Buddhismus ergreift immer mehr Menschen. Was macht ihn für Christen so attraktiv?" Titel: "Mit Buddha aus dem 'Jammertal'".
Wochenendbeilage "Die Brücke zur Welt" der "Stuttgarter Zeitung" vom 29./30. August 1998 mit dem Titel: "Nehmt den Weg als Zuflucht". Unterzeile: "Die Faszination des Buddhismus".

(Zu diesen Beiträgen gehörte jeweils auch ein Glossar, das hier nachfolgend steht.)


Es ist schon wirklich erstaunlich: Ein Tibet-Film nach dem anderen führt vor den Kinokassen zu langen Schlangen, in den Gesichtern der Wartenden jene gewisse Aufregung und Ungeduld. Ob "Salzmänner in Tibet", "Sieben Jahre in Tibet" mit Brad Pitt als Heinrich Harrer (der österreichische Abenteurer und Freund des Dalai Lama), oder Martin Scorseses Lebensgeschichte des Gottkönigs "Kundun", ein Fest der Farben, Klänge und mystischen Stimmungen, die ins Traumland Shangri-La entführen - all diese Streifen scheinen bei uns nüchternen Modernen die gleiche Kindervorfreude, den gleichen fest auf die Leinwand gehefteten Blick auszulösen.

Was passiert hier eigentlich? Die Tibet- und Buddhismus-Welle wogt auch in kürzer werdenden Abständen durch Fernsehen, Hörfunk und diverse Blätter. So hat jüngst sogar der Spiegel, in wundersamer Wandlung einmal unzynisch, der östlichen Heilslehre eine Titelgeschichte gewidmet: "Buddhismus, Glauben ohne Gott", just zu Karfreitag. Atheistisches war hier zu lesen: Der bekannte Indologe und Buchautor Hans Wolfgang Schumann unterschied den "mystischen" Buddhismus von den "prophetischen" Religionen mit ihrem Glauben an den Grund-Dualismus "Gott" und "Seele". Die Expertenzahlen belegen es unverkennbar: 1970 gab es in Deutschland lediglich 15 buddhistische Gruppen, 1991 dann schon 200 und nach weiteren sechs Jahren 413 (Anm. zu 2002: rund 600). Wo soll das hinführen?


Eine Bewegung, welche die Gesellschaft erfasst

Die Zahlenschätzungen, was die Anhängerschaft anbetrifft, gehen stark auseinander. Viele - die laut Buddha in einem sehr alten Text "alleine ziehenden Nashörner", welche dem buddhistischen Heilsziel selbstständig zustreben - entziehen sich festen Gruppen; aber generell nimmt man an, dass hierzulande bis zu einer halben Millionen Buddhisten lebt. Alljährlich erscheinen im englischsprachigen Raum rund vierhundert neue Bücher zum Buddhismus. In den Vereinigten Staaten ist heute schon vom "mainstreaming" des Buddhismus die Rede - dass er gerade zu einer Bewegung wird, welche die gesamte amerikanische Gesellschaft erfasst.

Bedeuten diese rasanten Entwicklungen etwa den Anfang vom Ende des 2000-jährigen Christentums im Abendland? Was steckt hinter dem starken Wachstum, das keine auch nicht modernisierte christliche Strömung, kein Islam und keine esoterische Richtung im Westen aufweisen kann?

Vielleicht hat es etwas mit der unwiderstehlich lockenden Verheissung zu tun, die uns rastlosen Modernen aus jedem weise und befreit lächelnden Buddhagesicht entgegentritt - dem Kardinalsymbol des Morgenlandes. Hier wird eine tiefe Sehnsucht des Menschen zu allen Zeiten und besonders in unserer jetzigen angesprochen. Auf dem Cover jener Spiegel-Nummer strahlte ein goldenes, im stillen Glück lächelndes Buddhahaupt, in dessen erleuchtetes Inneres die Menschen hineinströmen.

Das Resultat war zu erwarten: Bereits nach wenigen Tagen hiess es an den Kiosken, man sei "leider ausverkauft". Andererseits mag es genau das Kardinalsymbol des Abendlandes - der ans Kreuz geschlagene Christus - sein, mit dem das Unbehagen vieler auf einen Punkt gebracht wird. Das Kreuz steht dogmatisch für die "Sündenerlösung" der Menschheit (wobei "Erlösung" hier nicht als konkrete Befreiung von den Leiden der Existenz wie im Buddhismus verstanden wird). Aber das sinnfällige Bild legt noch eine Reihe von weiteren Dingen nahe: Den menschlichen "Sündenfall", der letztlich hinter der Kreuzigung steht; Bestätigung der tiefen Schuld; die Anklage der Juden als "Gottesmörder"; die Glorifizierung von Leiden, weil die Menschheit durch das Martyrium Christi erlöst worden sei; sowie das Ausgeliefertsein der Menschheit an die Gnade eines übermächtigen Vatergottes. Nüchtern betrachtet stehen sich hier zwei grundverschiedene Menschen- und Weltbilder gegenüber: "Erbsünde" und "Jammertal" contra "Buddha-Natur" des Menschen und "Buddha-Land".

Die kritischen Heutigen, die ihr Leben in die eigene Hand nehmen und auf ihre unabhängige Kraft vertrauen, scheinen sich immer deutlicher für den Buddha zu entscheiden. Dessen vielzitierte Abschiedsworte lauteten: "Seid Euch selbst ein führendes Licht und eine Zuflucht, nehmt den Weg als Zuflucht, nehmt keine andere Zuflucht."

Es gibt eine sehr machtvolle abendländische und speziell deutsche Denkströmung, die - ausgehend von der Sprachverwandtschaft zwischen den indischen und den europäischen Sprachen - die geistigen Wurzeln Europas in Südasien lokalisiert hat. Hauptaufklärer und Philosoph Voltaire, Poet Novalis, die Gebrüder Schlegel (unter anderem die Begründer der deutschen Indologie), Musiker Wagner, die Philosophen Hegel, Schelling, Schopenhauer und Nietzsche, Malgenie Van Gogh, der Physikrevolutionär Einstein und viele andere waren begeisterte, manchmal romantisch verklärende Bewunderer Asiens - der hinduistischen und buddhistischen Einheitssicht aller Dinge. (Schophenhauer etwa sah sich in seiner Philosophie durch den Buddhismus vollkommen bestätigt. Einstein erachtete bloss den Buddhismus als vereinbar mit moderner Wissenschaft.)

Sie wandelten sich alle gegen die Kirche, gegen einen bestimmten Grund-Dualismus, Rationalismus und Materialismus. Diese Denkströmung, die vor allem mit der Romantik begann, hat immer wieder Faszinationsausbrüche an allem Indischen hervorgebracht - zuletzt in der amerikanischen Beat-Generation der 50er (Kerouac, Ginsberg, Snyder), der Hippie-Ära, der Zeit der Beatles und Teilen der 68er-Protestbewegung. Erstmals und in tieferer Form beginnt das Asieninteresse heute die westliche Hauptgesellschaft zu erfassen, wieder mit den USA als Impulsgeber.

In den Vereinigten Staaten (häufig für den Westen in einer Vorreiterrolle) erfasst die Entscheidung für den Buddha immer weitere Kreise. 1988 gab es dort 429 buddhistische Lehrzentren, 1997 waren es dann 1062. 1994 existierten alleine in der hypermodernen Grossstadt Seattle 53 buddhistische Tempel und Zentren. Im Oktober 1997 hat die US-Ausgabe des Time-Magazine dem Thema "America"s fascination with Buddhism" eine lange Titelstory gewidmet. Es ist bereits relativ bekannt, dass sich Stars wie Richard Gere, Sharon Stone, Brad Pitt, Madonna oder Regisseur Oliver Stone für den Buddhismus interessieren. Und dabei ist es häufig nicht gerecht, dieses Interesse als Selbstvermarktung abzutun. Richard Gere etwa (überzeugter Buddhist seit "Beat"-Zeiten und in anspruchsvollen Fachinterviews zu seinem Lehrverständnis befragt) wurde vom Dalai Lama aufgefordert, sich als Buddhist zu outen und für die unterdrückten Tibeter einzusetzen. Aber andere Tatsachen sind in Europa nahezu unbekannt, die jedoch viel besser verdeutlichen, welche Dynamik hier bereits im vollen Gange ist:

Der Wissenschaftsredakteur der New York Times, Daniel Goleman, dessen Buch "Emotionale Intelligenz" auf westlichen Bestsellerlisten lange oben stand, ist seit 30 Jahren Praktizierender der buddhistischen Achtsamkeitsmeditation "Vipassana" (Pali für "Höheres Sehen"). Er gebraucht Achtsamkeit als Synonym für Emotionale Intelligenz: ",Erkenne dich selbst' spricht diesen Grundpfeiler der Emotionalen Intelligenz an, sich der eigenen Gefühle in dem Augenblick, da sie auftreten, bewusst zu werden." Eine Forschungsarbeit (Gil Fronsdal, Stanford) betrachtet sein Werk als "verdeckte Form der Einführung der Vipassana-Praxis in die amerikanische Gesellschaft". Gleiches wird dort vom amerikanischen Medizinprofessor Jon Kabat-Zinn festgestellt, ebenfalls vielbeachteter Bestsellerautor.


Erziehung für Stummelschwanzhunde

Kabat-Zinns achtwöchiges komplementärmedizinisches Behandlungsprogramm (wörtlich: "Stressreduktion durch Achtsamkeit") wurde im Frühjahr 1997 von 150 amerikanischen Kliniken, Stadtteilinstituten, Gefängnissen und auch schon Schulen angewandt. Im November desselben Jahres lautete die Zahl 240 (Anm. zu 2002: rund 300). Das Programm fasst auch gerade in Deutschland Fuss, wohin Kabat-Zinn im Juni erstmals gekommen ist. Solche "westlichen" Buddhisten tragen buddhistische Haltungen und Ziele über die Insiderkreise mit ihren Jargons, Ritualen und Praktiken hinaus, mitten hinein in den Hauptstrom der Gesellschaft.

Mit großer Macht beginnt im ganzen Westen eine Hinwendung zum "Kontemplativen", die dem lange unbeantworteten Bedürfnis nach Sinn, Verbundenheit und innerer Erfüllung entspricht (wobei sich hier die hochkomplexe Frage stellt, warum es so lange unbeantwortet blieb). Wer kennt es nicht in sich: jenes subtile, mächtige Unbehagen an der Kultur, dem fortschrittsgläubigen Erziehungs-, Wirtschafts-, und Wissenschaftssystem, das auf alles "schlüssige" Antworten hat, aber die innere Unruhe, die Sinnsuche, das Verstehenwollen des Lebens nicht beantwortet. Häufig wundern sich engagierte buddhistische Meister Asiens über das moderne westliche Bildungs- und Denksystem: Die Studenten würden zwar lernen, in bestimmten Fachgebieten besser als andere zu werden, aber sie würden nichts über Weisheit lernen, wie man den Geist verstehen, Frieden finden und erfüllt leben könne (Sulak Sivaraksa). Der einflussreichste Meister Thailands, Ajahn Buddhadasa spricht gar von einer "Erziehung für Stummelschwanzhunde": "Es scheint kaum jemanden zu stören, dass Studenten nichts über Ethik und den inneren Weg lernen, obwohl dies für die Menschwerdung unverzichtbar ist."

Vielleicht gibt dieser unverblümte asiatische Blick eine Antwort auf die drängende Frage, warum etwa die Gewalt unter Jugendlichen an den Schulen immer stärker zunimmt. Der Mensch möchte (im buddhistischen Sinne) zum vollständigen Menschen werden. Wenn er dabei von den Institutionen behindert wird, entsteht Gewalt - als ohnmächtiger Protest. In allen buddhistischen Traditionen gilt als die Essenz des Weges zur Freiheit die Entwicklung von ethischer Motivation, geistiger Ruhe und intuitivem Wissen, der Inhalt der ersten und berühmtesten Rede des Buddha. Eben diese drei "inneren" Qualitäten sind im westlichen Bildungs- und Denksystem kaum je Thema. So kann es nicht verwundern, dass sich Abendländer in schnell wachsender Zahl für den Buddhismus interessieren.

Hinzu kommen überzeugende persönliche Eindrücke:

Wer hat nicht schon einen insgeheimen Vergleich zwischen manchen kirchlichen Oberhirten und dem tief mitfühlenden, undogmatischen und herzensglücklichen Dalai Lama oder anderen buddhistischen Lehrenden gezogen? Welcher Reisende durch ein buddhistisches Land ist nicht positiv angetan, von jener dort auch heute noch weitverbreiteten Gelassenheit, Lebensfreude und Verehrung für das Spirituelle im Menschen? Welcher Gebildete kommt nicht ins Überlegen, angesichts des Unterschiedes zwischen der friedfertigen Geschichte des Buddhismus (in dessen Namen kein Krieg geführt worden ist, der sich nicht mit Gewalt über ganz Asien verbreitet hat) und der gewaltvollen und antisemitischen Geschichte des Kirchenchristentums, mit dessem tief verankerten Alleingeltungsanspruch? Bei wem regt sich nicht die Frage, ob das immer mehr, besser, schneller und angenehmer auf allen Gebieten für Geist, Körper und Umwelt wirklich gut ist?

Nichtsdestoweniger existiert auch ein grosser Widerstand gegen das Bemühen um eine kontemplativere Orientierung in der Gesellschaft und deren Institutionen. Der Antrag der "Deutschen Buddhistischen Union", des Dachverbandes der deutschen Buddhisten, auf Anerkennung des Buddhismus als Religionsgemeinschaft in Deutschland ist bereits einmal abgelehnt worden. Eine der Hauptbegründungen, die für die Ablehnung kam, lautete: "Dem Buddhismus fehlen die hierarchischen Strukturen, die ihn als kirchenähnlich ausweisen könnten".

 

Glossar zum Buddhismus (in den genannten Zeitungen teils kürzer)


Bodhisattva: Das große Ideal des Mahayana, ein angehender Buddha, der immer stärker aus dem Mitgefühl heraus fühlt, denkt und handelt. Im "Großen Mitgefühl" (Mahakaruna) wird die innere Einheit von Selbst und anderen restlos verstanden. Wenn die dualistische Wahrnehmung der Welt überwunden ist, werden alle Taten des Bodhisattva zur Ursache der "Erleuchtung" (im Mahayana ein unbegrenzt hilfsfähiger Zustand). Der Bodhisattva strebt nach einer Befreiung für alle. Diese selbstlose Haltung ist der "Erleuchtungsgeist" (Bodhicitta). Konkret heißt dies die Entfaltung der sechs "Vollkommenheiten": Freies Geben, Ethische Motivation, Geduld, Energie, Sich-Versenken und Weisheit. Der Vater des Bodhisattva-Ideals Shantideva (8. Jh., Indien) hat einen Schwerpunkt seines Hauptwerkes auf die innere Praxis der "Gleichheit und Austauschung von Selbst und anderen" gelegt.

Karma: Wörtlich "Tun, Sich-Auswirken", der Zusammenhang zwischen der inneren Qualität einer Handlung und ihren kurz- oder langfristigen Resultaten. Die innere Qualität einer Handlung bemisst sich alleine an der Absicht. Der Buddha: "Die Absicht bezeichne ich als Karma." Der Maßstab für eine heilsame oder unheilsame Absicht ist, ob (bei anderen und einem selbst) Glück oder Leid bewirkt wird. Die Kategorien "gut" und "schlecht" sind hier nicht gebräuchlich. Dieses ursprüngliche Karmaverständnis umfasst nicht Tatergebnisse oder das Schicksal, im Unterschied zu Rudof Steiners Anthroposophie und Helena Blavatskys Theosophie, die unsere westlichen Assoziationen zu "Karma" vor allem geprägt haben. "Innerer Zwang" bzw. nachteiliges Karma zieht notwendig Angst, Depression und Leid nach sich.

Mahayana: Das "Große Fahrzeug", das möglichst viele zur Befreiung führen will, der Weg des Bodhisattva, der sich diesem Ziel aus Großem Mitgefühl verschreibt. Das Mahayana ist in Nordindien zwischen dem ersten und elften Jahrhundert entstanden. Von ihrem Entstehungsland ist diese Form des Buddhismus nach China, Tibet, in manche Gebiete Russlands, die Mongolei, Korea, Japan und Vietnam gekommen, wo sie in Verschmelzung mit den einheimischen Kulturen vor allem zum tibetischen Buddhismus, dem Fahrzeug des Tantra, dem Zen, der Lehre Nichirens und dem Amidismus (Verehrung des Buddha Amitabha "Unendliches Licht") geworden ist. Die weitestreichende Denkschule des Mahayana ist der "Mittlere Weg" des Nagarjuna (zweites bis drittes Jahrhundert, Indien), mit der Lehre vom "Abhängigen Entstehen" bzw. der Leerheit aller Phänomene. Auch "Die Schule, die das Wahrnehmen lehrt" ist einflussreich. Sie lehrt, dass es keine äußeren Objekte außerhalb des allein real existenten Wahrnehmens gäbe.

Nirvana: Wörtlich "Verlöschen" des peinvollen inneren Feuers "Durst und Ergreifen". Der Brennstoff dieses inneren Feuers ist das "Unwissen" (Avidya), dies heißt das Begreifen aller Dinge als das "Ich", das "Mein" oder ein getrenntes "Selbst". Der Weg zum Nirvana ist die Entfaltung von Ethischer Motivation, Geistiger Ruhe und Intuitivem Wissen. Die Hauptrolle dabei spielt das achtsame Aufnehmen von allem inneren und allem äußeren Geschehen. Das Nirvana ist weder ein Nichts noch ein Etwas: "Kein Maß ermisst den Menschen, der zur Stille findet." Mit dem geistigen Eintreten des Nirvana kommt der Daseinskreislauf zu Ende.

Reinkarnationen: Durch bewussten Entschluss oder gezielt Wiedergeborene ("Rinpoches", wie der Dalai Lama und andere hohe Lamas), die von den früheren Gefährten aufgefunden werden. Der Grund für ihre Wiederkehr sei Mitgefühl, um anderen auf dem Weg zu helfen. Rinpoches existieren alleine im tibetischen Buddhismus (in Tibet, Ladakh, Mongolei, Nepal, Sikkim und Bhutan), nicht jedoch im Theravada (Südostasien) und Zen (Fernost). Auch in Tibet gab es in den ersten Jahrhunderten des Buddhismus keine reinkarnierten Lamas, erst als der tibetische Buddhismus staatstragend wurde.

Theravada: Die "Lehre der Ältesten", der Frühbuddhismus, der heute in Burma, Thailand, Kambodscha, Laos und Sri Lanka maßgeblich ist. Die Textgrundlage der Schule ist der Pali-Kanon, mit den ältesten vollständig überlieferten Redensammlungen des Buddha (sechstes bis fünftes Jahrhundert vor Christus, Indien). Dessen Lehre ist kein geschlossenes theoretisches und praktisches "System". Die Indologie betrachtet den Urbuddhismus als "Erlösungspragmatismus", weil der Buddha konsequent lediglich das lehrte, was im kurzen Leben der Befreiung vom Leiden dient: "Nur eines lehre ich, jetzt wie früher - das Leiden und das Ende des Leidens." An anderer Stelle nennt der Erwachte diese gezielte Lehre, in deren Zentrum die Entwicklung der Sehenden bzw. "Trefflichen Achtsamkeit" steht, auch "eine Handvoll Blätter" im Vergleich zu den zahllosen Blättern des Waldes.

Diese Handvoll kann jeder verstehen und meistern. Die pragmatische Befreiungslehre des Erwachten heißt unter seinen Anhängern meist bloß der "Dharma" ("Das, was trägt" oder "hält"), nicht das kohärente System "Buddhismus", das ein Begriff der westlichen Wissenschaft ist. Der Buddha bezeichnete sich als "Spirituellen Freund", nicht als "Guru".

Innerer Zwang: "Was peinigt, umklammert". Die Sanskrit-Verbwurzel "shlish" ist mit englisch "slime" (mit Schleim überziehen) und deutsch "Schlick", "Schleim(en)" und der "Schnecke" mit ihrer Schleimspur verwandt. Ein Klesha (in Pali: kilesa) ist eine Art blendender, schwächender Fremdkörper im Organismus, wie Gier, Hass, Verwirrung, Neid, Eifersucht, Stolz, Eigendünkel, Trägheit und Gleichgültigkeit. In der buddhistischen Psychologie sind die Inneren Zwänge Ausdruck der drei Leidenswurzeln "Unwissen" (die Sicht aller Dinge als das "Ich", das "Mein" oder ein getrenntes "Selbst"), "Durst und Ergreifen". Die "unheilsamen Tatpfade" (Töten, Stehlen, Sexuelles Fehlverhalten bzw. Sexualität, die für irgendeinen Beteiligten klares Leiden bedeutet, Lügen, Zwischenträgerei, Geschwätz und Hassrede) wiederum gelten als Ausdruck der Inneren Zwänge. Dieses ganze Leidens- und Angstgebäude bricht also mit dem Unwissen in sich zusammen.

Vipassana: Wörtlich "Höheres Sehen, "Inneres Verstehen", die einflussreichste Praxis des frühen Buddhismus oder Theravada. Das höhere, vom Leiden befreiende Sehen ist das Ziel des Vipassana in all seinen Ansätzen (alleine in Burma 24), bei denen es stets um die systematische oder bewusste Entwicklung der Sehenden bzw. "Trefflichen Achtsamkeit" (Sati) geht. Das Pali-Wort "Sati" hat gleichzeitig die Bedeutung von Achtsamkeit und Er-Innerung - eben an all das, was gerade im Moment stattfindet oder getan wird (= Bewusstheit). Sämtliche Vipassana-Ansätze (die bekanntesten sind das Körperhineinkommen, das Benennen und die Natur-Methode) beruhen auf den Meditationsreden des historischen Buddha im Pali-Kanon. "Meditation" ist die systematische Einübung der "Trefflichen Achtsamkeit".

Wiedergeburt: Das Wiedergeborenwerden und Sterben in leid- oder glückvollen "diesseitigen" Bewusstseinsqualitäten oder "jenseitigen" Existenzformen (leidvoll: Höllen, Hungrige Geister, Tiere; glückvoll: Menschen, Titanen, Götter), je nach Karma. Für das jetzige Leben bedeutet dieser pein- und angstvolle "Daseinskreislauf" (Samsara) das "Hineingeborenwerden" in und "Sterben" von Situationen, durch Unwissen, Durst bzw. Ergreifen des "Ich" und "Mein", laut Buddha die drei Hauptursachen des Leidens in der Welt. Auch manche asiatische Meister betonen: "Wenn der Geist im Feuer des Hasses steht, ist man vom menschlichen Zustand herabgefallen und im Höllenbereich wiedergeboren", so Ajahn Chah. Analog wird man bei Gier zum "Hungrigen Geist", bei Triebbestimmtheit und Ignoranz zum "Tier", bei Machtlust und Neid zum "Titanen", bei Sinnesrausch und Eigendünkel zum "Gott". Bei Ethischer Motivation, Geistiger Ruhe und Intuitivem Wissen wird man zum Menschen, nicht der glückvollste, aber der kostbarste Existenzbereich, weil nur hier die endgültige Befreiung möglich ist. Durch wachsende Bewusstheit kann der Daseinskreislauf beendet werden.

 

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