Das Sehen der Leerheit

Upul Gamage & Godwin Samaratne
(Meditationslehrer, Sri Lanka)

 

Das Sehen der Leerheit


Diese Diskussion zwischen Godwin Samaratne and Upul Gamage (Godwin´s Nachfolger als Lehrer in Nilambe) wurde 1990 vom Sinhala Magazin „Pahana" ins Englische übersetzt. Vom Englischen ins Deutsche: Besucher des Buddhistischen Hauses

Upul: Was ist Meditation?

Godwin: Es ist das Bemühen zu verstehen wie der Körper und der Geist funktionieren und dadurch sein selbst geschaffenes Leid zu beenden.

Upul: Versuchen Biologie und Psychologie nicht dasselbe?

Godwin: In der Biologie und in der westlichen Psychologie wird das "Ego", die Grundursache des Leidens, nicht vernichtet.

Upul: Können Sie allgemeine Meditationsmethoden beschreiben, die in der heutigen Welt praktiziert werden?

Godwin: Der Buddhalehre entsprechend kann man die meisten Meditationsmethoden als „Samatha-Meditation" oder Konzentrations-Übungen bezeichnen.

Upul: Was passiert in der Samatha-Meditation?

Godwin: Der Geist wird konzentriert.

Upul: Mit welchen Ergebnissen?

Godwin: Die fünf Hindernisse, bekannt als sinnliche Begierde, Abneigung, Trägheit und Apathie, Rastlosigkeit und Gewissensbisse sowie Zweifel werden zeitweilig verkleinert.

Upul: Wie macht sich dies im täglichen Leben bemerkbar?

Godwin: Durch die in der Samatha-Meditation erlangte Gemütsruhe kann man den Problemen des Lebens wirksamer begegnen. Aufkommende Hindernisse können rechtzeitig bemerkt werden.

Upul: Wenn jemand mit Hilfe der Samatha-Meditation so unerschütterlich sein kann, den Problemen des Lebens wirksam zu begegnen, welchen Nutzen haben dann die „Vipassana-Meditation" oder Einsichts-Übungen?

Godwin: Der Zweck von Vipassana ist, die substanzlose, vergängliche und unbefriedigende Natur der in Samatha verkleinerten Hindernisse zu erkennen. Anders als mit der durch Samatha entwickelten Ruhe und Gelassenheit zu leben erkennt man in tiefgründiger Vipassana, dass alles leer ist. Dies bringt eine tiefe Stille hervor, die im Auf und Ab des Lebens unerschütterlich bleibt. Samatha entwickelt Bewusstsein, und Vipassana entwickelt Weisheit. Beides kann im täglichen Leben sehr nützlich sein.

Upul: Ist es richtig die Ruhe und Gelassenheit, die in Samatha aufsteigt als Ergebnis der Praxis zu betrachten, während die Ruhe und Gelassenheit oder Stille, die sich in Vipassana einstellt von Erkenntnis herrührt? Siehe Leerheit 2

Godwin: Ja. Aber der Nutzen von Samatha ist zeitweilig. Der Nutzen von Vipassana ist beständig.

Upul: Sie erwähnten zwei Ergebnisse der Meditation: Bewusstsein und Weisheit. Können Sie diese erklären?

Godwin: Wenn ich es mit Hilfe eines Beispiels aus dem Dhamma erklären sollte, ist Bewusstsein ähnlich einem Chirurgen, der weiß wo sich der Tumor befindet, welcher chirurgischer Behandlung bedarf; und ist Weisheit ähnlich einem Chirurgen, der den Tumor entfernt.

Upul: Können Sie das durch ein Beispiel aus dem Alltagsleben näher erklären?

Godwin: Wenn Bewusstsein da ist, wird man wissen, ob man ärgerlich ist. Wenn Weisheit da ist, wird man erkennen, dass Ärger keinen Eigentümer hat, und das ist doch etwas Leeres.

Upul: Sollte die Funktion von Weisheit entsprechend dem ersten Beispiel nicht sein, Ärger zu entfernen?

Godwin: Solche Befleckungen wie Ärger können nur so lange existieren wie es einen Eigentümer gibt. Wenn da Weisheit ist, werden sie komplett entwurzelt.

Upul: Mit dem Ausspruch, dass es keinen Eigentümer von Ärger gibt, meinen Sie, dass er sich spontan ereignet?

Godwin: Nein. Er ist das Ergebnis einer Ursache.

Upul: Sie sagten, dass Ärger keine Substanz hat. Aber, wenn es Ärger gibt fühlt es sich an als wäre da eine enorme Energie. Ärger und Hass können sogar dazu führen hunderte oder tausende Menschen zu töten.

Godwin: Bis zur Erkenntnis können alle Befleckungen sehr stark in Erscheinung treten. Aber nach der Erkenntnis ist da nichts als Leerheit.

Upul: Welchen Zweck hat es zu erkennen, dass solche Befleckungen wie Ärger das Ergebnis einer Ursache sind und, dass sie leer sind?

Godwin: Wenn man das erkennt, kann Ärger nicht länger existieren. Ärger zu haben ist an sich Nahrungsversorgung für ihn zu überleben.

Upul: Die traditionellen Buddhistischen Lehren betonen, dass solche Befleckungen wie Ärger, mit Anstrengung auszurotten sind, aber was Sie sagen scheint etwas anderes zu sein.

Godwin: Wenn die traditionellen Lehren sich auf die Samatha-Meditation beziehen, dann, ja, ist es notwendig. Aber in der Vipassana -Meditation, wie ich zuvor sagte, muss man in Hinsicht auf die Befleckungen offen sein und deren Leerheit erkennen.

Upul: Mit der Rede vom Öffnen gegenüber Befleckungen, meinen Sie diesen zu erliegen?

Godwin: Nein. Offen zu sein ist weder Unterdrücken von, noch Hereinbegeben in Befleckungen.

Upul: Wenn da Anhaftung an Etwas ist, wie kann dieses "Offensein" stattfinden?

Godwin: Wenn Sie ein Essen sehen, dass Sie sehr mögen und Sie fühlen sich gierig; weder nicht essen und denken es ist schlecht noch mit Gierigkeit essen bedeutet, sich der Gier öffnen. Aber beobachten wie Gier entsteht, für eine Zeit bleibt, und vonstatten geht; dies ist, sich der Gier öffnen. Eine andere Methode ist, über Gier reflektieren. Das heißt tiefer in den Gedanken der Gier hinein gehen. Siehe Leerheit 3

Upul: In einigen Meditationsmethoden ist Reflektion als Benennen der Erfahrung definiert. Wenn Sie ärgerlich werden sagen Sie „Ärger", wenn Sie sich gierig fühlen sagen Sie „Gier" usw. Aber Sie beschreiben Reflektion als tiefer in einen Gedanken hinein gehen.

Godwin: Was ich beschrieb ist die Methode, die wahre Natur von etwas heraus zu finden; Benennen ist noch eine andere Methode. (Nämlich die, um ablenkende Gedanken, Gefühle und Empfindungen in der Meditation bewusst zu machen und los zu lassen. Anmerkung des Übersetzers)

Upul: Was kann bei derartigem Reflektieren passieren?

Godwin: Wenn Sie Gier untersuchen, wird offenbar, dass sie sich auf vergangene Erfahrungen und Konzepte bezieht.

Upul: Können Sie darauf näher eingehen?

Godwin: Zum Beispiel, Gier nach Eiscreme bezieht sich auf Erinnerung. Wenn Sie Eiscreme in einem vorhergehenden Augenblick gekostet hatten, reagierten Sie auf den Geschmack. Gegenwärtige Gier ist das Konzept, welches sich aus dieser Reaktion ergab. Heute, wenn Sie diese Speise sehen, gehen Sie darüber hinaus es als Speise wieder zu erkennen. Sie frischen das Konzept auf, dass eine Reaktion auf den Geschmack war. Vipassana heißt, den Unterschied zwischen Wahrnehmung und Konzept wieder zu erkennen, und da stoppen, ohne weitere Konzepte, Argumente, Gegenargumente usw. zu entwickeln.

Upul: Hier benutzen Sie einige solcher tiefgründigen Wörter wie Erkennen, Konzepte, usw.; was meinen Sie mit diesen?

Godwin: Eiscreme wieder erkennen als Eiscreme ist der Zweck der Wahrnehmung. Der Rest kann beschrieben werden als folgende geistige Gestaltungen oder Schöpfungen, entwickelt aufgrund vergangener Erfahrungen und Konzepte. Wenn diese folgenden geistigen Gestaltungen nicht erschaffen werden, dann wird da keine Gier sein.

Upul: Aber, wenn eine Person, verschuldet durch eine spezielle Art von Speise krank wurde, dann beim wieder erkennen dieser Art von Speise als eine Speise stoppen würde, und sich an die krank machenden Wirkungen nicht erinnert, würde das nicht schädlich sein?

Godwin: Erinnerung ist etwas anderes. Man mag sich daran erinnern und vermeiden es zu essen. Aber man würde keinen Konflikt mit dieser Speise entwickeln.

Upul: Meinen Sie, dass Erinnerung kein Problem verursacht?

Godwin: Ja.

Upul: Wenn man ein vergangenes Ereignis, dass Schmerz verursachte zurückruft, würde man nicht dasselbe fühlen, sogar nach langer Zeit? Kommt das nicht von der Erinnerung?

Godwin: Man kann durch den Tod seiner Mutter von Kummer betroffen sein in diesem Moment. Aber man kann dieses Ereignis viele Jahre später zurückrufen ohne dasselbe zu fühlen. Zeigt dies nicht, dass Erinnerung keinen Schmerz hat?


Upul: Gibt es einen Unterschied zwischen dem Enden der Sorge durch die Zeit und dem Enden des Leids durch Erkenntnis in der Vipassana-Meditation?

Godwin: In der ersten Situation endet das Leid nach einer langen Zeit und durch das Tun vieler Dinge. Aber in Vipassana besitzen Sie einmal das Leid nicht, in diesem Moment hört das Leid auf zu existieren. Siehe Leerheit 4

Upul: Ist das Vergessen der Sorge über die Zeit nicht nur auf ein Ereignis begrenzt? Aber wirkt sich das in Vipassana gewonnene Verstehen von einem Vorfall nicht auf den Rest des Lebens aus?

Godwin: Es mag so sein, aber Erkenntnis bei einer Gelegenheit dehnt sich nicht notwendigerweise auf den Rest des Lebens aus. Das Maß zu dem das „Ego" verringert ist, zu diesem Grad wird Leiden verringert sein. In dem Grad, indem das „Ego" da ist wird Leiden sein.

Upul: In dieser Dhamma-Diskussion beschrieben Sie wie wir Unruhe und Leid erschaffen infolge von Erfahrungen und Konzepten. Können Sie in diesem Fall erklären was Leben in der Gegenwart ist?

Godwin: Jeder Gedanke ist entweder mit der Vergangenheit oder mit der Zukunft verbunden. Leben in diesem Moment ist ein Zustand frei von diesen Gedanken.

Upul: Dies stellt einige praktische Schwierigkeiten. Das wieder Erkennen von Reizen, die zu den sechs Sinnen kommen hängt von vergangenem Wissen ab. Wenn man sie wieder erkennen sollte, aber auch bewusst wird, dass sie auf die Vergangenheit bezogen sind, ist das dann nicht Leben in der Gegenwart?

Godwin: Ja, aber nur, wenn es mit dem was passiert keine Beziehung gibt; Gedanken wie „da ist kein Ego" sollten nicht da sein.

Upul: In den traditionellen Lehren sind wir gefordert an solchen körperlichen Objekten wie Haus und Hof, Männern, Frauen, usw. nicht anzuhaften. Aber Ihre Betonung von Anfang an war, zu erkennen, dass da kein Besitzrecht ist für Gedanken, Gefühle und Konzepte, und dass man die Leerheit von diesen erkennen sollte. Was ist der Unterschied zwischen diesen zwei Pfaden?

Godwin: Wird eine Person, die auf der Innenseite nichts besitzt, außenseitig Dinge besitzen? Aber eine Person, die nur äußere Dinge als unbeständig analysiert, ohne Substanz und unbefriedigend; kann auf halbem Wege stoppen ohne volle Erkenntnis zu erreichen.

Upul: Entsprechend Ihrer Analyse, ist der Körper innerlich oder äußerlich?

Godwin: Er ist innerlich.

Upul: Sollte man den meditativen Pfad erst mit einigem Wissen vom Dhamma begehen?

Godwin: Wissen vom Dhamma ist kein Wissen, dass in Büchern steht. Wenn jemand sein Problem kennt und weiß, was die beste Medizin dafür ist, dann entspricht der Meditation genau so viel. Das mögen Sie durchaus von einem Buch oder einem Meditationslehrer haben; aber nur diese richtige Dosis ist wesentlich. Darüber hinaus ist Wissen von Dhamma nicht wesentlich. Das ist nur Ansammlung von Wissen. Es kann sogar ein Hindernis zur Meditation sein.

Ende des Dialogs